Zugegeben, Kleidung ist wirklich spottbillig geworden. Dennoch lohnt ein Blick auf die Stoffqualität, den Schnitt und die Innenansicht. In Polyester wird man schwitzen und müffeln, in Baumwolle und Leinen nicht. Ob die Kleidung in Form bleibt, hängt auch von der Dicke des Stoffs ab. Das macht einen Preisunterschied. Vorder- und Rückenteil mit zwei Seitennähten zu verbinden, das geht schnell. Wenn das Material dehnbar ist, wird es schon irgendwie passen, Einheitsgröße und Unisex. Gibt es Abnäher, gibt es formende Seitenteile? Hier zeigen sich Qualitätsunterschiede. Und dann der Blick ins Innere! Wenn man nur Overlock- und Coverlocknähte sieht, dann weiß man, wieso es so preiswert ist. Kappnähte sind da schon edler und besonders schön wird es mit eingefassten Verbindungsnähten.
Werden Mädchenkleider mit doppelter Passe genäht, verschwindet die Taillennaht – manchmal dick, weil gekraust – unsichtbar innerhalb der Passe. Auch Ärmelabschlüsse oder Halsabschlüsse sind innen wie außen sauber, auch ohne Verblendstreifen, die dazu neigen könnten, nach außen zu rutschen.
Der schöne Motivstoff lohnte den Aufwand. Ausserdem ist der Passenstoff dünner, doppelt gleicht er sich von der Festigkeit dem Rockstoff an.
Den Schnitt habe ich im vorhergehenden Artikel angegeben.
Die Vorteile von Doubleface liegen auf der Hand. Man hat zwei Stofflagen unterschiedlichen Designs, die miteinander verwebt sind. Damit ist der Stoff recht dick, also gut geeignet für einen wärmenden Hoodie, der ein Enkelkind nunmehr in den Herbst begleiten soll. Gleichzeitig sind die beiden Stofflagen im Design zueinander passend, der Partnerstoff ist also gleich vorhanden, man muss den Stoff nur jeweils von der anderen Seite verwenden. Je nachdem, wie man die Seiten verwendet, entsteht ein individuelles, in jedem Falle niemals langweiliges Kleidungsstück. Bei der Verwendung zur Kapuze muss man diese nicht füttern, innen wie außen ist schon ein schöner, ansehnlicher Stoff vorhanden.
Der Doublefacestoff hat eine gestreifte und eine gepunktete Seite. Für die Kapuze wurde innen gestreift und außen gepunktet gewählt. Der Corpus ist gepunktet, die Ärmel aber sind gestreift. Abschlussbündchen bilden wiederum einen Kontrast.
Nun zu den schönen Details: Wer qualitativ hochwertig kaufen will, sieht beim Kauf auch innen in das Kleidungsstück hinein. Wurde einfach mit Overlocknähten zusammengefügt? Oder sind Innennähte verschönert? Das ist möglich über Kappnähte oder über Streberstreifen, die ein Kleidungsstück auch innen sehr sauber aussehen lassen.
Ich habe die Vorderfront der Kapuze eingefasst. Wer über einen Bändchenfasser verfügt, hat es mit dieser Entscheidung beim Nähen einfach. Ich habe einen passenden geblümten Baumwollstoff, einen Rest, in Schrägstreifen geschnitten. Damit wurde die Kapuze vorne versäubert. Die Schrägstreifen dienten dann weiter als Streberstreifen. Klappt man den Ärmel hoch, sieht man so nicht etwa auf eine Overlocknaht, sondern auf ein hübsches inneres Detail. Entsprechend bin ich verfahren bei der Ansatznaht der Kapuze am Hals und beim unteren Abschluss mit Bündchen.
Der Schnitt ist ein Ottobreschnitt und deshalb gewählt, weil ich gerne Sattelärmel verwende. Sie sind eleganter als Raglanärmel, aber ebenso leicht zu nähen.
Wer Weiteres über Doubleface erfahren will, schaue auch zu diesen Projekten der Vergangenheit:
Wird eine Kapuze an ein Kleidungsstück gefügt, ohne dass gefüttert wird, dann entsteht eine häßliche Naht. Insbesondere bei dickeren Stoffen muss die Verbindungsnaht doch recht breit gewählt werden und damit vergrößert sich die unansehnliche Naht.
Ein neuer Badeponcho sollte her. Ein blaues Badetuch wurde verwendet. Dazu hatte ich noch ein abgelegtes Handtuch, das die Kapuze hergab.
Upcycling Badetuch und Handtuch zu Badeponcho
Der Frotteestoff war ziemlich dick. So ergab sich das Problem der unschönen Naht im Halsbereich.
Deshalb habe ich beim Zusammenfügen einen Schrägstreifen mitlaufen lassen. Anschließend wurde der Schrägstreifen um die Naht geschlagen und mit dem Schmalkantfüßchen festgenäht.
Streberstreifen zur Versäuberung
insbesondere vorne fein
außen stört die Naht nicht
Anders als in den vorangegangenen Projekten habe ich diesmal den Halsausschnitt nicht tellerrund geschnitten, sondern einen Halsausschnitt gewählt, der vorne recht tief geht. Der nicht dehnbare Frotteestoff bedarf eben eines ausreichend großen Schlupflochs.
Meine Auseinandersetzung mit Doubleface hat mich angetrieben, die Möglichkeit zu einem Wende-Kleidungsstück zu erproben. Gleichzeitig wünschte sich meine Enkelin Cilly noch einmal ein Kleid mit den Glitzer-Flamingos. Aus dem vorhandenen ist sie wahrlich herausgewachsen – wie schnell das geht!
Voilà, das ist das neue Kleidchen:
Flamingo-Seite
Streifenseite
Das Kleid kann von beiden Seiten (!) getragen werden. Möglich machen das der Stoff, nämlich Doubleface, und einige Besonderheiten beim Nähen.
Doubleface Stoffe oder Wendestoffe haben zwei ansprechende Seiten, also sozusagen zwei rechte Seiten. Sie sind aus zwei Stofflagen zusammengewirkt, die sogar unterschiedliche Garnqualität oder unterschiedliche Muster haben können. Mit den zwei Stofflagen sind sie robust und etwas wärmer. So eignen Sie sich für Hoodies oder sonstige Übergangskleidung bzw. Ganzjahreskleidung. Der entsprechende Einführungsartikel: https://sewtonew.blog/2022/01/30/gestaltungsmoeglichkeiten-mit-doubleface/
Es geht dann nicht ohne besondere Nähte:
Wie schon dargelegt, man näht zunächst die Teile mit den gleichen Seiten außen mit Geradstich oder Stretchstich oder kleinem Zickzackstich zusammen. Je nach Gestaltungsabsicht kann das die eine oder andere gleiche Seite sein. Die Nahtüberstände werden dann auseinander geklappt und mittig übernäht. Dies kann mit Zickzackstich geschehen, covernd natürlich auch. Kontrastgarn ist hier ebenso möglich. Der Nahtüberstand wird dann sauber abgeschnitten und fertig ist eine von beiden Seiten saubere Naht.
Will man ein Wendekleid säumen, müssen Innen- wie auch Außenseite einen ansprechenden Abschluss erhalten. Denkbar sind hier Einfassungen mit Schrägband, Zierband, Webband etc.. Ich habe mich für Covern mit gleichfarbigem Bauschgarn entschieden. Auf diese Weise wurde der untere Saum und der Ärmelsaum realisiert. Da ich farblich absetzen wollte, umschließt der pinke Jerseystreifen die Overlocknaht und wurde dann per Covern fixiert.
Streberstreifen sind dann eine weitere Möglichkeit, ein sauberes Ganzes zu produzieren. Die mit Overlock eingesetzten Ärmel ebenso wie das Halsbündchen sind so verarbeitet. Der Versäuberungsstreifen wird beim Annähen mit der Overlock mitlaufen gelassen, anschließend wird er um die Naht gelegt und festgenäht. Ich habe das hier mit der Hand getan und dabei nur die innere Stofflage „gepackt“. Auf der anderen Seite sieht man nicht, dass ein Versäuberungsstreifen festgenäht wurde. Dieses Verfahren fand ich sauberer als noch eine Naht mit der Maschine zu nähen.
Der für das weite Kleidchen verwendete Schnitt ist ein Ottobre-Schnitt. Er wurde schon einmal verwendet: https://sewtonew.blog/2016/12/19/frohe-weihnachten-weihnachtskleidchen-fuer-die-maedels/. Er ist deshalb schön, weil ein wirklich weit schwingender Rockteil entsteht. Das lieben die Mädels. Bei diesem Schnitt setzen die Bahnen, die für Weite sorgen, schon ganz oben an, es gibt keine Quernaht. So entfalten die durch den Nähtrick entstandenen Zierleisten voll und ganz ihre Wirkung über das gesamte Kleid. Wie man ansonsten Drehkleidchen selbst konstruieren kann, ohne diesen Schnitt, findest du unter: https://sewtonew.blog/2022/01/25/drehkleid-schnitt-selbst-konstruieren/.
Fazit: Es ist ein wenig aufwändig, ein Wende-Kleidungsstück zu nähen. Ich denke aber, es ist mit den beschriebenen Verfahren und mit Doubleface allemal einfacher, als ein Kleidungsstück mit zwei identischen Lagen aneinander zu nähen, um es wenden zu können.
Manchmal packt es mich, so wieder einmal beim Ausräumen der Beutel abgelegter Kleidung von Christl. Ein Strickkleid in anthrazit fiel mir sofort ins Auge. Leni ist sehr hautempfindlich und liebt bequeme Klamöttchen. Das sehr dehnbare, schlichte und durchgehend geschnittene Stickkleid mit 3/4-Ärmeln macht ein Upcycling leicht. Nur muss einem etwas einfallen, damit das gedeckte Kleid kindgerecht wird. Mir ist etwas eingefallen, weil schon lange ein schön karierter Schlafanzug von Opa Heinz im Fundus wartete. Sein zweites Leben begann nun.
Lenis neues Strickkleid
Aus der Schlafanzugfront nahm ich Stücke für die aufgesetzten Taschen. Ich drehte die Stücke so, dass die Kante mit Paspel und Beleg, die zuvor die Knöpfe trug, nach oben zeigt. So musste ich keinen neuen Taschenabschluss nähen. Ebenso aus der Front nahm ich Stücke, um die Ärmel zu verlängern. Beim Tragen werden die karierten Stücke so parallel liegen.
verlängerte Ärmel
Und jetzt etwas Neues, das ich zuvor noch nicht verwendete. Vielleicht fiel es mir ein, weil ich schon umfangreiche Erfahrungen mit Streberstreifen hatte: https://sewtonew.blog/2021/11/01/streberstreifen-beim-upcycling/. Die obere Kante des gestrickten Schalkragens nahm ich für das Halsbündchen. Ich habe den Streifen verkleinert und mit Wabenstich zusammen geführt. Doppelt wollte ich den Strickstoff nicht verwenden.
Anders als sonst habe ich dann die Overlocknaht nach außen schauen lassen und sie mit Streberstreifen versäubert.
So erhält das Kleid auch im oberen Bereich etwas Frisches und gleichzeitig ist die Naht verschwunden. Das fand ich überaus chic.
Halsbereich
Streberstreifen außen!
Gesäumt ist das Kleid mit Coverlock. Das ging wieder leicht trotz des sehr dehnbaren Strickstoffs, und ich habe zuvor nur stecken müssen.
Es zeigte sich, dass das Upcycling-Kleid für Leni noch zu groß ist, so freut sich die Cousine Clara über Mutters Kleid in passendem, neuen Look.
Eine graue, dick mit Teddystoff gefütterte Sweatjacke von Katrin sollte zu einer ebensolchen für das Töchterchen Leni werden. Vorab: Es ist gelungen. Von außen sieht man aber nicht, wie das geklappt hat und welche Schwierigkeiten auftraten. Dazu muss man die Jacke von innen betrachten.
kleiner geschnittene Sweatjacke
innen erkennt man das Konzept
Streberstreifen innen
Diesmal war das Upcycling garnicht so einfach, weil die Jacke dick gefüttert ist. Wenn sie passend kleiner geschnitten werden soll, bedeutet das:
Reißverschluss heraustrennen, Bündchen von Ober- und Futterstoff lösen, Futter kleiner nähen, Oberstoff kleiner nähen, Innen und Außen wieder zusammensetzen, Bündchen annähen, gekürzten Reißverschluss wieder einnähen
Das lohnt doch nicht, selbst wenn die Jacke noch wirklich gut brauchbar ist!
So habe ich etwas länger über diese Schwierigkeiten nachgedacht, das Projekt erst einmal liegen gelassen, und es kamen dann noch weitere Schwierigkeiten hinzu…
Meine Überlegungen zur Rettung der Jacke: Wäre es vertretbar, Futter und Oberstoff gemeinsam zu verarbeiten? Dann könnte ich wie immer verfahren, nämlich kleiner schneiden und neu zusammen nähen. Nachteil: Dann hätte die Jacke innen dicke Overlocknähte über vier Stofflagen, an Stoßnähten wären es sogar 8 oder noch mehr Lagen. Keine Chance für die Overlock, ganz abgesehen von den dicken, unschönen Nähten! Von meiner alten Bernina 1090 weiß ich, dass sie extrem Dickes schaffen kann.
Dann kam mir die entscheidende Idee: Nähte lassen sich mit Streberstreifen versäubern! Innenansichten werden auf diese Weise schön und ansehnlich.
Bisher habe ich solche Streifen an hinteren Halsausschnitten verwendet, um unschöne Overlocknähte verschwinden zu lassen. Dazu lässt man einen Schrägstreifen beim Annähen des Halsbündchens mitlaufen und schlägt ihn anschließend um die Naht herum und näht ihn knappkantig fest.
Mit dieser Idee der Streberstreifen war dann vorstellbar, Vierfach-Stofflagen zu nähen, Obermaterial und Futter gemeinsam zu verarbeiten, dicke Nähte mit der tüchtigen älteren Nähmaschine zu nähen und sie mit Streberstreifen einzufassen.
saubere Lösung Streberstreifen
an der Kapuzennaht etwas breiter
Bei den Schulternähten und dem Ärmelansatz habe ich dann doch mit der Overlock gearbeitet, bei den Seitennähten, den unteren Ärmelnähten und der Naht zur Kapuze hingegen habe ich die schöne und praktikable Streberstreifenvariante gewählt. Meine Nähmaschine hat speziell am unteren Ärmelpunkt zur Seitennaht die vielen Stofflagen gepackt. Die Overlock hätte an dieser Stelle sicher versagt.
Schmalkantfuß
Für das finale Annähen des Streberstreifens ist der Schmalkantfuß mit von der Mitte leicht nach links oder rechts justierten Nadel eine echte Hilfe. Zuvor habe ich den Streberstreifen fein säuberlich umgeschlagen und dicht gesteckt. So ging das Nähen auf dem Teddyfutter leicht von der Hand. In den Ärmel kam ich angesichts der Enge des Kinderärmels nicht ganz hinein. Ein Stückchen musste ich per Hand annähen.
Bündchen ansehnlich zusammengefügt
Am Bündchen sieht man besonders gut, was der Streberstreifen bewirkt. Man stelle sich hier die Overlocknaht vor – nicht schön! So ist es doch besser. Ich denke also, dass ich das Verfahren auch bei dünneren Stoffen demnächst wiederholen werde, insbesondere an sichtbaren Stellen wie den Bündchen.